Wir sind nicht knapp einer Katastrophe entkommen.
Wir sind mittendrin.
Deutschland und weite Teile Europas litten zuletzt unter extremer Hitze. In Teilen Deutschlands stiegen die Temperaturen auf über 40 Grad. Die Folgen waren in Kliniken, Rettungsdiensten und Pflegeheimen unmittelbar spürbar: Das ohnehin überlastete System geriet an seine Grenzen: In Köln wurden allein an einem Wochenende rund 120 Todesfälle registriert – fast viermal so viele wie an einem gewöhnlichen Wochenende. Die Feuerwehr verzeichnete an einem einzigen Samstag mehr als 1.100 Einsätze statt der üblichen rund 500. Die Krankenhäuser waren durch den massiven Zustrom von Patient:innen so stark belastet, dass in einer Messehalle ein zusätzliches Notfallversorgungszentrum eingerichtet werden musste.
Gleichzeitig waren die Kühlkapazitäten von Bestattungsunternehmen ungewöhnlich stark ausgelastet. In Köln und Leverkusen kam es zu Engpässen beim Abtransport und bei der Unterbringung Verstorbener. Bestattungsunternehmen mussten sich gegenseitig aushelfen, zeitweise nahm auch die Düsseldorfer Uniklinik Verstorbene auf. Wo ein unmittelbarer Abtransport nicht möglich war, mussten Verstorbene entsprechend länger an ihrem Sterbeort verbleiben. Rettungskräfte berichteten von Zuständen, die sie an die Corona Pandemie erinnerten: überhitzte Patient:innen wurden in überhitzte Notaufnahmen gebracht, in denen erschöpftes Personal unter kaum erträglichen Bedingungen arbeitete. Pflegekräfte standen nach Berichten von Einsatzkräften teilweise kurz davor, unter der Belastung zusammenzubrechen. Wir sind nicht knapp einer Katastrophe entkommen. Wir sind mittendrin.
Nach der aktuellsten Schätzung des Robert Koch-Instituts sind in Deutschland im Jahr 2026 bis einschließlich Ende Juni bereits rund 5.120 Menschen infolge der Hitze gestorben. Allein für die besonders heiße Woche vom 22. bis zum 28. Juni werden etwa 4.310 hitzebedingte Todesfälle geschätzt. Besonders gefährdet sind ältere und chronisch kranke Menschen, Säuglinge und Kleinkinder. Betroffen sind aber auch diejenigen, die körperlich hart arbeiten, keinen festen Wohnraum haben oder sich in schlecht isolierten Wohnungen, Klassenräumen, Werkhallen und Büros aufhalten müssen. Die Hitze ist dabei kein isoliertes Wetterereignis und auch kein bloßes Umweltproblem. Sie ist Ausdruck der durch den fossilen Kapitalismus ausgelösten Klimakatastrophe. Wir stehen auch nicht mehr kurz davor, wir befinden uns bereits mitten in ihren Folgen. Es geht deshalb nicht mehr allein darum, weitere Auswüchse zu begrenzen, sondern zugleich darum, wie wir künftig mit ihren bereits unvermeidbaren Auswirkungen umgehen.
Die Klimakatastrophe ist eine soziale Krise
Die Folgen der Klimakatastrophe treffen nicht alle Menschen gleichermaßen. Wie stark jemand geschützt oder gefährdet ist, hängt wesentlich vom Einkommen, vom Alter, vom Gesundheitszustand sowie von der Wohn- und Arbeitssituation ab. Wer heiße Tage in einer aufgeheizten Dachgeschosswohnung verbringt, auf dem Bau arbeitet, in der Pflege Schichten übernimmt oder in einer schlecht ausgestatteten Schule sitzt, trägt einen erheblich größeren Teil der Belastung. Wer dagegen über klimatisierte Räume, eine energetisch sanierte Wohnung oder die Möglichkeit verfügt, der Hitze auszuweichen, ist deutlich besser geschützt. Die Klimakatastrophe verschärft damit bestehende soziale Ungleichheiten. Sie macht sichtbar, wie ungleich Wohnraum, Gesundheit, Sicherheit und gesellschaftliche Ressourcen verteilt sind. Diejenigen, die weltweit am wenigsten zur Erderwärmung beigetragen haben, sind häufig diejenigen, die ihre Folgen am härtesten treffen. Das gilt innerhalb unserer Städte ebenso wie im globalen Maßstab. Unsere Solidarität muss deshalb allen Menschen gelten, die weltweit von Dürren, Bränden, Überschwemmungen, steigenden Meeresspiegeln und tödlicher Hitze betroffen sind.
Marode Infrastruktur und politische Prioritäten
Besonders soziale Einrichtungen, wie Schulen oder Pflegeeinrichtungen, aber auch Krankenhäuser stehen vor enormen Problemen. Viele ihrer Gebäude sind baulich nicht für dauerhaft hohe Temperaturen ausgelegt. Es fehlt an wirksamem Sonnenschutz, ausreichender Belüftung, Trinkwasserkonzepten, begrünten Flächen, Kühlmöglichkeiten und verbindlichen kommunalen Hitzeaktionsplänen.
Diese Zustände sind weder unvermeidbar noch bloß vorübergehende Unannehmlichkeiten. Sie sind das Ergebnis politischer Entscheidungen und gesellschaftlicher Prioritäten. Während Milliarden in Aufrüstung fließen, Energiekonzerne subventioniert werden und an fossiler Energieerzeugung festgehalten wird, fehlt es angeblich an Geld für die soziale Infrastruktur, für das Gesundheitssystem und für wirksamen Klimaschutz. Schlimmer noch: Diese Mittel werden im Haushaltsplan 2027 sogar noch drastisch zusammengestrichen. Während also die Hitzeperioden für immer mehr Menschen zur unmittelbaren Lebensgefahr werden, schweigt die Bundesregierung und verschärft die Lage noch weiter.
Die Katastrophe hat System? Die Katastrophe ist das System!
Die Klimakatastrophe ist nicht das Ergebnis falscher Konsumentscheidungen einzelner Menschen. Sie ist kein individuelles Versagen. Sie ist das logische Produkt einer Wirtschaftsweise, die auf permanentem Wachstum, Konkurrenz und Profitmaximierung beruht. Die Gewinne der fossilen Industrie, der Energie- und Immobilienkonzerne landen seit Jahrzehnten auf privaten Konten, während ihre Verluste nur zu gern vergesellschaftet werden. Die gesellschaftlichen und ökologischen Schäden werden der Allgemeinheit überlassen. Wenige profitieren von der Zerstörung, Die Vielen tragen die Folgen.
Der fossile Kapitalismus ist ein Todeskult. Er nimmt die Zerstörung menschlicher Lebensgrundlagen in Kauf, solange sich daraus Gewinne erzielen lassen. Eine Politik im Interesse der Konzerne, die Mieten steigen lässt, öffentliche Infrastruktur abbaut und weiterhin auf unbegrenztes Wachstum setzt, wird die Klimakatastrophe nicht lösen. Sie wird sie verschärfen und ihre Kosten weiter nach unten durchreichen.
Klimaschutz darf deshalb nicht auf technische Modernisierung oder den Austausch einzelner Produkte reduziert werden. Solange Produktion und Ressourcennutzung weiterhin danach organisiert werden, möglichst hohe private Gewinne zu erzielen, wird die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen unaufhaltbar voranschreiten.
Für eine echte Alternative – nicht für einen grünen Kapitalismus
Wir dürfen uns den Klimaschutz weder von Konzernen noch von einer Politik wegnehmen lassen, die ihn auf individuelles Konsumverhalten, steigende Preise und Verzicht für die Mehrheit reduziert. Der Schutz unserer gemeinsamen Lebensgrundlagen wir nicht dadurch geschaffen, dass wir den Kapitalismus einfach nachhaltiger gestalten, wie es sich so viele Grüne herbeireden.
Klimaschutz ist Klassenkampf: Das heißt, für gute und bezahlbare Wohnungen, sichere Arbeitsbedingungen, eine verlässliche Gesundheitsversorgung und einen gut ausgebauten öffentlichen Verkehr zu kämpfen. Es bedeutet, gesellschaftliche Produktion demokratisch zu organisieren und sie danach auszurichten, was Menschen tatsächlich benötigen; und nicht danach, womit sich die höchsten Profite erzielen lassen. Es geht um die demokratische Kontrolle über Energie, Wohnraum, Verkehr, Gesundheit und zentrale Bereiche der Produktion. Es geht darum, das Wohl aller über die Profite weniger zu stellen und die Ursachen der Katastrophe an ihrer Wurzel zu bekämpfen.
Eine sozialistische Gesellschaft könnte Produktion ressourcenschonend und bedarfsgerecht organisieren. Wissenschaft und Forschung müssten nicht gegeneinander um kurzfristige Finanzierung, Patente und verwertbare Ergebnisse konkurrieren. Wissen würde gebündelt, international geteilt und solidarisch eingesetzt werden. Forschung zu Klimaschutz, Gesundheit, und allem anderen wäre dauerhaft öffentlich finanziert und an gesellschaftlichen Bedürfnissen ausgerichtet.
Machen wir uns nichts vor: Wir sind schon mittendrin
Die nächsten Hitzeperioden werden kommen. Die kommenden Sommer werden heißer, und viele Folgen der Klimakatastrophe sind bereits heute nicht mehr vollständig zu verhindern. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr, ob die Katastrophe kommt, sondern wie wir mit ihr umgehen. Die Frage ist, wie viele Menschen wir ihr weiterhin schutzlos ausliefern, wer über Schutzmaßnahmen entscheidet und wer deren Kosten tragen soll.
Echte Veränderung entsteht durch Druck von unten: durch die Organisierung in Stadtteilen, Betrieben, Gewerkschaften, Schulen und sozialen Einrichtungen. Sie entsteht, wenn Klima-, Sozial- und Arbeitskämpfe nicht getrennt voneinander geführt, sondern miteinander verbunden werden.
Wir müssen gemeinsam für eine solidarische und lebenswerte Gesellschaft kämpfen!

